Ferienspiele – Freiräume für Kinderträume

Heute gab es wieder eine Anmeldung zu den Ferienspielen. Für mich war das eine Gelegenheit, um mir die Teilnehmerlisten für den Herbst mal etwas genauer anzusehen. Es entstand eine gewisse Neugier und Vorfreude. Viele Namen sind mir bereits vertraut. Aber es gibt auch Namen von Kindern, zu denen ich noch kein Gesicht habe und das macht es ebenso spannend.

Es tauchen Bilder aus den Sommerferien vor meinem geistigen Auge auf…
Ich betrachte die große Gemeinschaft inzwischen als „temporäre Großfamilie“. Da stehen am Morgen Schuhe nebeneinander, die von einer Größe für Zwerge bis Riesen reichen. Da schauen die Großen liebevoll nach den Kleinen und die Kleinen himmeln ihre Vorbilder an, als wären sie eine Fernsehgröße – nur viel besser. Eine Mutter fragte mich: „Ist Anton als Betreuer wieder dabei? Ben freut sich schon so.“ „Nein“, sagte ich. „Kein Anton, aber wie wäre es mit Jan, Lukas oder Nina?“
Einen Großteil meiner „alte Hasen“, wie ich sie manchmal liebevoll nenne, kenne ich schon seit sie 6 Jahre alt sind. Inzwischen sind sie 13, einen Kopf größer als ich und haben immer noch nicht genug. Eltern fragen mich manchmal: „Wie lange darf mein Kind noch kommen?“ Ich sage dann: „So lange es möchte und sich bei uns wohlfühlt.“

Und zum Wohlfühlen gibt es viele gute Gelegenheiten. Einen ganzen langen Tag – und wenn es dann Zeit ist, sich zu verabschieden, dann höre ich immer wieder: „Waaaas? Ist schon wieder Abholzeit?“
Es gibt eben viel zu entdecken. Sehr beliebt sind die Exkursionen zum nahegelegenen Kieswerk. In Absprache mit Herrn Rohr dürfen wir einen abgelegenen Sandberg erstürmen und auch nach Fossilien auf dem Steinhaufen suchen.

Aber es gibt auch „Arbeit“ für die Kids. Immerhin müssen sie ihr Mittagessen selbst mitzubereiten helfen. Doch wir haben keine Probleme. Es gibt immer genügend kleine Küchenchefs, die uns unterstützen. Beim Pizzabacken gibt es regelrechten „Andrang“.

Obwohl sich viel draußen abspielt, der Werkraum ist trotzdem  ständig besetzt und Beate, Nina und Aishu hatten alle Hände voll zu tun, die Kinder bei ihrem Tatendrang zur Seite zu stehen. In einer Woche wurden besonders viele Boote gebaut. Zwei Jungs fingen damit an und hatten für nichts anderes mehr Zeit. Als es auch noch  auf dem See schwamm, fanden wir anschließend kaum mehr Material für weitere Kapitäne.
Überhaupt war es der Wunsch der Kinder viel Zeit nahe am Wasser zu verbringen. Gerade wenn es heiß war. Und ich bin froh, dass ich zufällig einmal eine stille Beobachterin sein konnte, als sich eine Gruppe achtsam und leise am Teich aufhielt, um Frösche und andere Lebewesen zu beobachten.  Manchmal verlieren sie sich so in ihrem Tun, dass sie nicht merken, was um sie herum passiert. Am liebsten sehe ich sie  barfuß unterwegs.
Aishu unsere Inderin hatte eine besondere Beziehung zum See entwickelt. Sie sagte: „bei uns in Indien können wir nicht einfach so  ins Wasser“. Die Kinder spürten das und nahmen sie immer wiedermit ans Wasser und  beobachteten sie in ihrer fast kindliche Freude.
Aishu liebt Kinder und erzählte ihnen viel von ihrem Land, ihrer Sprache und Kultur. Einmal zeigte sie allen Eltern und Kindern einen Film aus ihrer Heimat.  Ein anderes Mal tanzte sie mit ihnen einen indischen Tanz. Aber ich glaube ein besonderer Höhepunkt war ihre Aktion, zusammen mit den Kids, ein Blumenmandala zu legen.

Unser Anspruch ist es, den Kindern möglichst viel Freiraum für eigene Interessen zu geben.
Sie sollen Spaß haben, und  Tun und Lassen, wonach das Herz begehrt.

Auch mal traurig sein dürfen.  Gerade als unsere Fledermaus Lisa sich von ihrem Erdendasein verabschiedete, betrauerten die Kinder dies sehr. Sie gruben an einer schönen Stelle ein Loch in die Erde und es gab einen langen Trauerzug, als sie sie zu Grabe trugen. Ich musste eine Rede halten, es kullerten kleine Tränchen und dann wurde das Grab schön geschmückt. Kinder sind in diesem Alter mit allem noch viel mehr verbunden und es hat uns sehr bewegt.
Zu einer Gemeinschaft zusammen zu wachsen, dieser Anspruch liegt uns ganz besonders am Herzen. Jeder sollte schon nach wenigen Tagen die Namen aller kennen. Dies zu erreichen fördern auch die täglichen Spiel- und Sportangebote. Der Hit dieser Saison: Völkerball.  Täglich um Drei. Anschließend trafen wir uns am Feuer. Dort reflektierten wir den Tag und manchmal gab es auch Probleme zu besprechen. An einen Konflikt zwischen zwei Geschwistern erinnere ich mich noch genau. Es hat an einem Tag gleich zweimal so richtig zwischen den beiden Geschwisterkindern gekracht. Es gab auch Tränen. Ich fragte die Gruppe: „Sollen wir mal den (Konflikt)Ball aufrollen bis an den Anfang? Das Ritual kennen sie ebenfalls. Es lohnt sich nämlich von Beiden  die eigene Sichtweise der Geschichte zu hören.  Es ging hin und her. Und auch die Kinder, als nicht unmittelbar Beteiligte,  waren bemüht, herauszufinden, was wirklich hinter ihrem Streit steckte. Irgendwann waren alle Worte ausgetauscht, die Stimmung aber immernoch gedrückt und ich wagte ein Experiment. Ich wandte mich an den älteren Bruder: „Ok. Ich frage dich jetzt. Liebst du deinen Bruder?“ Er reagierte unsicher und sagte dann kleinlaut: „Ja“. Ich weiter:“Was magst du an ihm? Sag es uns?“ Und er gab eine  plausibe Antwort. Dann stellte ich dem kleineren Bruder dieselben Fragen. Auch er antwortete mit „Ja“. „Gut“, sagte ich dann, „dann ist ja alles prima. Und jetzt geht aufeinander zu“.  Sie gingen langsam aufeinander zu, blieben voreinander stehen, dann nahmen sie sich in den Arm.  Alle klatschten.  Auf der anderen Seite  der Feuerstelle fing ein Junge an zu lachen. „Das ist ja toll. Wie bei einer Hochzeit“. Wie recht er doch hatte. Die lieben und streiten sich ja auch. Und das ist auch gut so.

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