Stark im Herzen

Endlich war es wieder soweit. Es war der letzte Freitag im Monat. Seit mehreren Jahren ist dies der Tag, an dem sich die Kinder der Gruppe: Kinder stärken treffen. Ob über Mundpropaganda oder über die Ankündigung im Programmheft – der Kurs war schnell gefüllt. Eine Warteliste besteht. Auf jeden Fall durfte ich einige „Bewerbungen“ SONY DSCvon Kindern und deren Eltern lesen, die sich für einen Platz in der Gruppe beworben haben. So sah zum Beispiel so eine Bewerbung aus:
„Unser Sohn ist 6 Jahre alt (wird im Juni 7) möchte sich gerne um einen Platz im Projekt ‚Kinder stärken‘ bewerben. Benjamin (so nenne ich ihn mal) interessiert sich sehr für Natur und Tiere. Er ist mit Hunden, Katzen und Hühnern aufgewachsen und beobachtet mit Begeisterung täglich, auf dem Schulweg ein Käuzchen im Baum. Er interessiert sich für den Eichelhäher im Garten oder die Rehe im Rückhaltebecken. Er kocht und backt gerne, hat sogar bereits einen Kochkurs besucht.Er interessiert sich weniger für Musik oder Sport. Wir haben ihm die Beschreibung ihres Projekts vorgelesen und er war sofort begeistert und hat uns gebeten teilnehmen zu dürfen.
Ihn und noch 16 andere Kinder traf ich gestern nachmittag bei herrliche
m Sonnenschein. Auch Wilfried freute sich auf den Termin. Wir zeigten den Kindern unser neues „Wildnisgelände“ und erklärten ihnen, was dort noch alles zu tun sei. Das war der Startschuß. So viel Arbeit macht natürlich auch hungrig. Das Feuer wurde von Wilfried und einem Teil der Kinder mit ganz einfachen Mitteln entfacht. Da mussten sie sich schon schwer anstrengen. Auch Pflaster musste ich verteilen, weil sie sich an den scharfen Pflanzenstängeln geschnitten hatten. Gestört hat das niemanden. Ein bisschen hielt ich die Luft an, als Wilfried unseren „alten Hasen“ Nico und Sebastian das Holzhacken beibrachte. Was waren die stolz und vorsichtig. Sonst gibt es zwischen ihnen immer wieder Rangeleien, dieses Mal herrschte Friede und Eintracht.
Während Wilfried mit einigen Pfannkuchenteig vorbereitete, gab es bei mir Mehl, Milch, Salz und Wasser. Eine kurze Anleitung und dann durften sich die Kinder selbst ihren Stockbrotteig herstellen. Da gehört schon ein bisschen Übung dazu, die richtige Mischung zu finden. Entweder der Teig war zu flüssig oder er ließ sich nicht zu einem Klumpen formen. Sie unterstützten sich gegenseitig.
Auch um die Stöcke mussten sie sich kümmern. Ich sagte zu Benjamin: Ge
h vorne an den See, da hat Marco noch ein paar abgeschnittene Weiden liegen, da kannst du dir einen Stock holen. Er schaute mich groß an: „Ich alleine an den See? Das geht nicht. Kommst du mit“? Ich ging mit ihm. Ich sagte zu ihm: „Sag mal, hast du ein Problem so nah am Wasser zu sein“? „Nee“, sagte er, „ich nicht, aber meine Mama“.
Er schnitzte sich anschließend wie all die anderen Kinder den Stock zurecht und Sie werden es nicht glauben, es war eine himmlische Ruhe am Feuer. Jeder hatte zu tun und jeder wurde gebraucht und jeder half dem anderen.
Es war für mich ein Experiment mit vielen Fragezeichen. Wie würde sich der Altersunterschied auswirken? Kinder zwischen 6 und 12 Jahren? Was passiert zwischen den „Neuen“ und den „Alten“?

Sie können es sich inzwischen schon denken. Alles ist gut. Für mich als Betreuerin wurde nur richtig deutlich, wie „stark“ inzwischen die „alten Hasen“ schon sind. Selbstbewusst und offen. Sie können gut ausdrücken, was sie sagen wollen und was ihnen wichtig ist.
Das Allerbeste aber kommt noch. In der letzten halben Stunde saßen wir zusammen zufrieden um das Feuer. Ich fragte in die Runde, ob es denn für alle ok sei, dass wir uns: „Kinder stärken“ nennen. Vielleicht fände man ja einen Namen, der besser passen würde. Da sagte einer: Vielleicht nennen wir uns Adler oder Tiger. Ein anderer sagte: nee lieber einen Fantasienamen. Huriliburli! Da wurde Ludwig (wie dieser sind auch die anderen Namen geändert) ein sonst eher ruhiger und zurückhaltender Junge etwas lauter. Er sagte: „Nein, wir bleiben bei dem Namen Kinder stärken“. Damit waren die anderen alle scheinbar zufrieden.
Ich gab einen weiteren Impuls in die Mitte.  Ich fragte sie, was für sie die Aussage: „Stark sein“ bedeutet. Vielleicht ist man stark,  wenn man starke Muskeln hat oder wennn man lautstark seine Stimme erheben kann oder wenn man starke Auftritte in der Klasse oder bei Freunden hinlegt?
Es herrschte erst einmal Stille. Ich fragte nach. Versteht ihr das unter Stark sein? Da meldete sich ein eher unscheinbarer Junge. Seine Worte  kamen ganz spontan über seine Lippen und seine Bewegung war ebenfalls eindeutig. Er sagte: „Nein, stark im Herzen“. Und hielt dabei seine Hand auf sein Herz.
Da stimmten ihm die anderen zu. Und so entwickelte sich unser ganz persönlicher Gruß, mit dem wir uns voneinander verabschiedeten. Hand auf´s Herz und de
r Spruch in die Gruppe: Stark im Herzen. Das war sehr emotional und ging sehr tief ins Herz, ich glaube bei allen. Ich hatte richtig Gänsehaut.
So und jetzt wollte ich die Bilder auswerten, die ich gestern gemacht habe. Ich werde mich auch gar nicht weiter aufregen, wer Blogleser ist, weiß was mir schon einmal passiert ist. Ich hatte vergessen, den Chip einzulegen. Und so war es gerade wieder. Tut mir leid, ich kann dieses Mal wieder keine Bilder sprechen lassen, ich rege mich auch gar nicht auf. So bleiben diese Bilder, in meinem Herzen. Ich vergesse die wunderschönen Situationen von gestern bestimmt nicht mehr. Sie hätten Kinder gesehen, wie sie mit der Schubkarre die Betonbrocken aus unserem Wildnisgarten geschleppt hätten, sie hätten Bilder gesehen, wie Anton mit verschmierten Gesicht, aber völlig selbstvergessen seine Finger abschleckte, nachdem er sich ein Stockbrot selbst zubereitet hatte. Sie hätten einen 12jährigen beim Holzhacken sehen können, wahrscheinlich auch seinen Stolz, den er dabei fühlte. Sie hätten…  Ach ja!

 

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