„Friseur bei den Schafen“

Das war vorherzusehen! Bei diesem schönen, wenn auch kaltem Wetter, gab es wahre Besucherströme an die Erlache. Eigentlich haben wir erst ab kommenden Sonntag wieder für die Sonntagsgäste geöffnet, aber nachdem bereits am Freitag die Wetterlage sich sonnig abzeichnete, erklärte sich ein Mitarbeiter spontan dazu bereit, sich am Sonntag als Servicemitarbeiter im Bistrobereich den Gästen zur Verfügung  zu stellen. Es hat sich gelohnt. Viele Gäste kamen und wärmten sich bei einem Kaffee oder Tee im Naturschutzzentrum auf. Sogar frischen Kuchen konnten wir unseren Gästen bieten. Den besonderen Kundenservice wussten unsere Gäste zu schätzen. Ab dem 5. Februar haben wir dann wieder ganz normal, während der Wintermonate am Sonntag in der Zeit von 14.00 – 17.00 geöffnet.

Gestern war ich selbst auch bei diesem schönen Wetter unterwegs. Wir besuchten Simone Häfele, die an diesem Tag Schafscherer zu Gast hatte. Ich war gefühlsmäßig von der Arbeit der Scherer hin- und hergerissen. Da standen drei Scherer, vor ihnen ein Platz (Reifen oder Holzgestell), auf dem dann die Schafsrasur vorgenommen wurde. Die Tiere waren  zunächst verschreckt und wehrten sich.
Ich sah, dass die Scherer ganz schön ins Schwitzen kamen. Sie brauchten Kraft und Gefühl. Denn, wenn so ein Schaf erst einmal rumzappelte, brauchte es große Erfahrung und den richtigen Griff, um das Tier zu bändigen und auch nicht zu verletzen. Die Erleichterung nach so zwei Minuten „Behandlung“ war deutlich sichtbar. Die Schafsparole: nix wie weg. Frau Häfele war mit der Wolle beschäftigt. Sie stopfte sie in riesige Säcke. Die Wolle fühlte sich weich und angenehm an. Sie freute sich, dass sie die Wolle in diesem Jahr nicht „entsorgen“ muss, sondern dass sie sie  erstmalig wenigstens für ein paar Cent weiter verkaufen kann.
 In einer Pause konnte ich dann mitverfolgen, wie der „dienstälteste Schafscherer“ die beiden jungen Scherer fragte: „Und, wieviel hast du geschafft“? Die Antworten: „16“ und „12“. Da fiel mir auch erst das Messgerät auf, mit dem  jeder,  jedes einzelne geschorene Schaf registrierte. „Ah“, dachte ich, „ein kleiner Wettbewerb“! Ich traute mich dann auch zu fragen, wieviel denn der Meister geschafft hat.  Er sagte: „da halte ich nicht mehr mit“. Das war mir ein bisschen peinlich, ich wollte ihn nicht in Verlegenheit bringen, aber er sah es mit Humor.  Simone Häfele erklärte, wie anstrengend so ein Job sei. Eine Bekannte von ihr hätte nicht einmal ein Schaf geschafft, es ginge  zu sehr in die Arme.

ch hatte noch so viele Fragen!  Zum Beispiel, warum man jetzt im Winter bei der Kälte die Schafe scheren müsse (sie müssen jetzt 6 Wochen im Stall bleiben). Die Antworten leuchteten mir ein: Die Scherer können in den Stall kommen, sind deshalb wetterunabhängig bei der Planung. Außerdem beginnt jetzt die Zeit des „Lammens“ (oje, sagt und schreibt man das so? aber ehrlich – Sie verstehen doch, was ich meine). Da ist die „Kurzhaarfrisur“ auch von der Hygiene her von Vorteil. Es sei auch allgemein für das „Klima“ des Schafes das Allerbeste. Man kann sich vorstellen, sie schwitzen weniger, das wäre so, als wenn wir zuhause mit Jacke, Mütze und Schal rumlaufen würden. Leuchtet mir alles ein. Ich erfuhr auch, wieviel man für eine Schafschur bezahlen müsse, pro Schaf – versteht sich. Das ist auf der einen Seite nicht viel (vom Scherer her gesehen), auf der anderen Seite eine Menge Geld, die Frau Häfele dafür aufbringen muss.
Es war ein sehr beeindruckendes Erlebnis für uns. In eine Gaststätte hätten wir hinterher nicht so einfach gehen können. Der Duft der Schafe ließ sich nicht leugnen. Ich nahm es gerne in Kauf – wann hat man schon mal Gelegenheit, bei einer Schur dabei zu sein? 

Während ich so dastand und das Treiben beobachtete, kam ein Schaf ganz nah zu mir. Es ließ sich graulen. Simone sagte mir, dass sei „Mimi“, ein Flaschenschaf, d.h. es wurde mit der Flasche groß gezogen und sei deshalb so zutraulich. In diesem Augenblick würde ich am liebsten wieder Vegetarier sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich Mimi auf meinem Teller haben wollte. Simone reagierte auf meine Worte: Tut es dir nicht weh, sie zum Schlachter zu bringen, ziemlich deutlich. Natürlich kann ich das. Natürlich tut das auch weh, aber nur weil es ein Flaschenkind ist, ist es nicht mehr Wert als die anderen“. Das kam an. Sie hat ja Recht.

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