Höhen und Tiefen auf dem Franziskusweg – Teil 1

Schreiben„Welcome back! Wir wünschen Ihnen einen guten Anfang gehabt zu haben, nach Ihren Abenteuern auf dem Franziskusweg nach Assisi“, das schrieb mir gestern ein  Freund des NABU Bensheim, der sich heute mit seinen Kameraden  selbst auf den Weg gemacht hat. Er schrieb weiter: „Dagegen wird der Lahnwanderweg, den wir morgen beginnen werden, nur „Pipifax“ sein?!“
Ich musste schmunzeln. Ich kenne den Lahnwanderweg nicht, ich kann  deshalb nur bedingt Vergleiche ziehen, aber ein bisschen wird er schon recht haben.

Ponte Vecchio blog
Ponte Vecchio Florenz

Ich könnte viel schreiben, weil ich viel erlebt habe. Dazu müsste ich aber eine andere Plattform wählen. Wollte ich die Erfahrungen dennoch  zusammenfassen, dann bleibt als Quintessenz die Tatsache, dass dieser Weg wirklich eine Herausforderung für mich war, welche ich vorher so nicht absehen konnte. Dom blogOb ich es dann überhaupt gemacht hätte?
Es gab Höhen und Tiefen, im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Weggefährte mit GPS sagte, dass wir nach seiner Berechnung mindestens 20000 Höhenmeter insgesamt bewältigt hätten.
Denke ich an den Anfang in Florenz zurück, dann hat mich die Stadt mit dem Trubel und den vielen Attraktionen fast beängstigt. Überall standen die Menschen stundenlang an, um in den Dom oder eines der wunderbaren Museen zu kommen. Dafür war mir meine Zeit fast zu schade. Ich genoss deshalb die frühe Morgenstunde, um die Stadt möglichst alleine in Augenschein nehmen zu können.

 Am Sonntagmorgen des 1. Mai verließ ich dann mit einem etwas mulmigen Gefühl die Stadt. Das Abe

Pace e bene
Friede und Wohlergehen

nteuer begann. Ich hielt mich buchstäblich an meiner Etappenbeschreibung fest und die las sich nicht wie ein spannender Krimi. „Gehen sie 300m bis zur nächsten Y-Kreuzung, wählen Sie dann den halbrechten Abzweig, aber Vorsicht…“ Circa vier Kilometer brauchte ich, bis ich die Stadt von oben sehen konnte.
Ich nehme es vorneweg. Ich bin an diesem, und auch am nächsten Tag, keinem einzigen weiteren Pilger begegnet. Ab und zu haben mich Einheimische etwas sonderlich angesehen. Ein Mann rief mir aus dem Fenster des zweiten Stocks seines Hauses zu: „Dove vai?“ Ich hob verwundert meinen Kopf. Spricht jetzt vielleicht Gott höchstpersönlich mit mir?  Ich antwortete (natürlich auf italienisch): „Ich gehe nach Assisi“. Das klang recht kleinlaut, wie ich selbst fand.
Erster TagAn diesem Tag kam ich am frühen Nachmittag in einem kleinen Städtchen an. Es schien ein Fest hier zu sein. Fähnchen hingen über der Straße und ein Plakat bestätigte meinen Eindruck. Es hat ein Marathon stattgefunden und ich war die Letzte, die eintraf.  Obst reichte man mir noch am Versorgungsstand, aber eine Flasche  Wein oder eine Urkunde bekam ich natürlich nicht. So klopfte ich mir selbst auf die Schulter. Ich hatte mindestens 22 km (und weil ich mich zweimal verlaufen hatte, sicher noch ein paar mehr) bewältigt und ich war zufrieden mit mir.

 

PontassieveEs blieb mir viel Zeit, den Ort Pontassieve  zu erkunden und die ersten Seiten meines Tagebuches füllten sich. Ich wollte als Pellegrina auf den Spuren von Franz von Assisi wandeln. Über sein Leben und Wirken habe ich im Vorfeld bereits einiges gelesen. Mich beeindruckt seine große Botschaft, die im Lied und Text des Sonnengesangs besonders deutlich wird. Er preist vor allem die Schönheit der Schöpfung und man spürt ganz deutlich, dass er alles Lebendige des ganzen Universums Zeichenganz eng miteinander in Verbindung bringt.
Etwas konnte ich davon bereits heute nachempfinden. Wenn man so durch die Landschaft pilgert, dann hat man den Eindruck, dass  man langsam mit der Landschaft verschmilzt.
Das ging an diesem Tag natürlich nur zeitweise, weil ich noch zu sehr mit der Wegmarkierung kämpfte. Von solchen eindeutigen Zeichen wie auf diesem Bild konnte ich nur träumen. Ich hörte selbst von Einheimischen,

im Tempo der Schnecke
im Tempo der Schnecke

dass sie nicht so recht nachvollziehen können, warum in den letzten Jahren so viele „Ausländer“ diesen Weg gehen wollen. Der Jakobsweg dagegen sei eine Promenade, so ein anderer Pilger.
Im Vorfeld hatte ich mir aufgeschrieben, was mir alles Angst machen könnte. Wildschweine, Gewitter, Schlangen, Konditionsprobleme, große Hitze und – Schmerzen in meinem Knie. Mit Regen hatte ich nicht gerechnet. Wie auch, „es ist doch Frühling und so ein bisschen Regen wird mich eher erfrischen“, dachte ich. Natürlich Aufstieg nach Consumawurde ich gleich am zweiten Tag eines besseren belehrt. Es regnete fast ununterbrochen und ich bangte um meine Reiseführeraufzeichnungen. Das Papier weichte bereits auf. Und schon wieder so eine bescheuerte Erklärung. „Gehen Sie nach dem Überschreiten des Baches in südöstlicher Richtung…“ Wie sollte ich bei diesem dunkelgrau des Himmels um Himmels Willen wissen, wo Südosten ist. Ausprobieren und Umkehren die Devise. Versuch und Irrtum. Fragen Sie mich nicht, welche Selbstgespräche ich dabei führte.
Stundenlang „eroberte“ ich den toskanischen Wald, um es bewusst positiv auszudrücken. Als ich endlich die Hauptroute erreichte und endlich passable Zeichnungen (rot-weiß) fand, die mich wissen ließen, dass ich in zweieinhalb Stunden den Pass und damit meinen heutigen Zielort Consuma erreichen würde, war ich eigentlich schon „fertig“. Doch der Anstieg kam erst noch. Kaum zu glauben, dass ich es wirklich schaffte. Doch das Gefühl es wirklich geschafft zu haben, war unbeschreiblich. Im Ort winkte mich ein älterer Mohn im WeizenHerr zu sich. Er stand vor dem Eingang einer Bar. Ich war nass bis auf die Haut. Ich folgte ihm. Man brachte mir einen warmen Tee und hausgemachte Pasta mit Salat. In der Küche trockneten meine Sachen. Da wusste ich: ich war auf dem richtigen Weg.
Wenn es Sie interessiert, dann warten Sie auf Teil 2. Ich schreibe in Etappen, so wie ich meinen Weg in Etappen gegangen bin.
Und ich bin sicher, dass dieser Weg auch Einfluss auf mein Wirken hier im Naturschutzzentrum hat und noch haben wird. Es wird in Zukunft noch mehr meine Aufgabe sein, auf die kleinen grünen Wunder aufmerksam zu machen. Nach dem Motto: „Wer das Kleine entdeckt, hat das Große schon gesehen“.

 

 

 

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