Kinder auf dem Nibelungenweg – „das war der schönste Tag meines Lebens“

Mein Blick heute morgen aus dem Fenster. Es regnet. Schon waren sie da, die Gedanken. Wie wird heute der Tag bei den Ferienspielen. Kinder sind nicht aus Zucker, die können damit umgehen, werden Sie sagen. Außerdem haben wir ja noch unser Haus, das Naturschutzzentrum. Das stimmt, aber ich dachte auch an die kleine Ferienspielgruppe um Jeannine, die mit den „nicht-mehr-Kleinen“, auf dem Nibelungensteig unterwegs ist.
Eine Wanderwoche mit älteren Kindern, eine neue Erfahrung, auch für mich.
Jeannine, die Betreuerin, hat meine Wertschätzung und bringt Erfahrung  im Ungang mit Kindern mit. Ihre Schützlinge sind uns mehrheitlich bekannt, weil wir bereits gemeinsame  Ferienspielerfahrung  haben.
Am Montag trafen sie sich in Zwingenberg an der Jugendherberge. Der erste Tag sollte dem gegenseitigen Kennnenlernen dienen. Auch Geocaching stand auf dem Programm.
Jeannine sagte, dass die Gruppe sich „ausdrucksvoll“ auslebte. Die Jugendherberge empfanden sie als Luxus und Jeannine sagte ihnen, dass dieser nun jeden Tag weniger werden würde. Alles klar!
Am Dienstagmorgen ging es los. Über den Melibokus zum Felsenmeer. Dort hatten sie in der Felsberghütte Quartier bezogen.
Heute morgen hatte ich den Auftrag, die Schlafsäcke an der Hütte abzuholen und sie zusammen mit frischen Lebensmitteln zum nächsten Quartier nach Knoden zu bringen.
Als ich dort den Parkplatz anfuhr, regnete es in Strömen. Was wird mich erwarten, fragte ich mich. Müde, zerknirschte Kinder? Vielleicht will jemand aussteigen?
Als ich mich dem Haus näherte, brannte Licht und ich wurde  fröhlich empfangen. Sie saßen gemeinsam beim Frühstück und luden mich gleich auf einen Tee ein. Auch einen Früchteburger (Apfelscheibe mit aufgelegter Kiwischeibe und garniert mit einer Bananenscheibe) wurde mir gereicht.
Sie redeten alle gleichzeitig und waren guter Dinge. Auch Jeannine schien nicht übernächtigt zu sein. Ich war natürlich neugierig und bekam folgenden Bericht.

Sechseinhalb Stunden seien sie gestern gelaufen. „10 km – ach das schaffen wir doch links“, so die ersten Worte. Aber der Aufstieg war hart, nach einer halben Stunden fragten bereits die ersten: … – na, was werden sie wohl gefragt haben? „Wann sind wir denn daaa?“ Jeannine berichtete, wie erlebnisreich die Wanderung war. Sie entdeckten so viel am Wegesrand und es gab erstaunlich viele kleine Experten dabei, die sich auch bereits gut auskannten. Z.B. hat ein Junge gute Pilzkenntnisse, die er an die Gruppe weitergab.
Jeannine sagte, sie hätte am Anfang, als sie oben auf einer Anhöhe standen, zu den Kindern gesagt, dass sie jetzt alles rausschreien dürften, was sie bedrücke und was sie zurücklassen wollten. Sie war überrascht von den lautstarken und leidenschaftlichen Äußerungen. (Aber die bleiben natürlich das Geheimnis der Gruppe.) Sie fragte die Gruppe auch nach ihrer Motivation und was für sie ein Ziel  in dieser Woche wäre.
Jemand sagte: „Ich möchte gerne eine Führungsaufgabe übernehmen.“ Bitteschön, das konnte er haben.
Hier steht er  jetzt mit Kompass und Karte über dem Tisch  gebeugt und macht sich ein Bild von der Route. Jemand anderes sagte: Ich will einfach Quatsch machen dürfen.“ Darauf Jeannine: aber das machst du doch sonst auch“ Darauf er: „Aber ich will einfach noch mehr Quatsch machen dürfen“. Ein interessanter Aspekt. Quatsch machen, ohne erzieherischen Appell. Die Gruppe wird es schon regulieren. Ein weiterer Wunsch: „Ich will es schaffen, ich will durchhalten!“ Der Anfang ist gemacht.
Jeannine sagte: Sie waren gestern abend glücklich, hungrig und alle seien sie schnell  eingeschlafen.
Gestern abend  gab es Pizza und die war ratzebutz alle. Das gefällt mir. Kein: „Das will ich nicht, das schmeckt mir nicht…“
In der Abendrunde wurde der Tag reflektiert. Jeannine fragte zum Beispiel: „Wer hatte heute das Gefühl,  dass er mit seinen Kräften an die Grenze kam? Dies könne er  zeigen, indem er seine Hand mit 5 Fingern ausstrecke. Wer sich nicht gefordert fühle, der könne dies zum Beispiel zeigen, indem er eine Faust mache. Erstaunlich für sie,  dass alle eine Hand zeigten, bei der alle 5 Finger gestreckt waren. Also richtig gefordert, obwohl es für sie gar nicht so den Anschein hatte. Es wurde auch die Konfliktbeteiligung auf ähnliche Weise abgefragt oder der Spaßfaktor. Sie empfand, dass sie sich richtig einschätzten. Wichtig war, der Spaßfaktor überwiegte und ein Junge äußerte  sogar: „Das war der schönste Tag meines Lebens“!

Ich saß mit Jeannine in Ruhe am Frühstückstisch, als sich die Jungs zurückzogen. Wir haben doch noch Zeit bis es losgeht, oder? „Haben wir“, sagte Jeannine im ruhigen Ton, „haben wir genug“.
Da klingelte das Handy. Es war ein Vater. Er fragte, ob sie ihn angerufen hätte. Er hatte eine nicht gekannte Nummer auf dem Display. Er mache sich etwas Sorgen. Jeannine sagte, das alles Bestens sei. Da sagte er: „Das tut gut, das zu hören“.
Meine Wertschätzung gilt an dieser Stelle auch den Eltern. Sie vertrauen uns das Beste an, was sie haben. Ihre Kinder. Ich kann mir vorstellen, wie unruhig sie vielleicht eingeschlafen waren, mit der Frage, ob auch alles gut gehe. Ob sie durchhalten, ob sie genügend essen oder trinken? Ich würde es als Mama auch so machen. Aber ich kann Sie als Eltern beruhigen. Sie haben tolle Kinder und diese genießen auch ein bisschen die elternfreie Zeit.

Ein Junge sagte zum Beispiel: „Ich hasse es, bei Freizeiten auf schmutzige Unterwäsche zu stoßen. Das ekelt mich an“. Ist das nicht besser, wenn sich Kinder selbst erziehen. Die Unterhose wird wahrscheinlich schnell verschwunden gewesen sein. Oder ein anderer Junge sagte: „Eines kann ich gar nicht leiden – kindische Kinder“. Ok, da kann man unterschiedlicher Meinung sein.  Manches Kind möchte schon bald wie ein Erwachsener  agieren, tut sich schwer,  unbeschwert seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Es tät ihm aber gut, wenn er ab und zu mal fünfe grade sein lassen könnte. Andere fühlen sich ständig ermuntert, als Clown die Gruppe zu bespaßen und verpassen dabei die Augenblicke, in denen sie auch als ernsthafter Koch oder guter Zuhörer bereits Bewunderung finden. 
Als ich die Gruppe dann im Lager bei ihrer Kissenschlacht beobachtete, sah ich, dass alle integriert waren.  Es war ihnen ein großes Bedürfnis, sich zu balgen, sich zu messen, sich zu spüren und außer Atem zu sein. Es wurde dabei gelacht und als ich fragte, ob ich ein Gruppenbild machen dürfe, hätte ich am liebsten auch zu einem Kissen gegriffen und mitgemacht.
Es fiel mir schwer, mich zu verabschieden.  Vielleicht hat es ein Junge gemerkt, er fragte, ob ich nicht am Abend wiederkommen möchte, sie würden mich gerne zum Abendessen einladen. Und was meinen Sie, was ich jetzt gleich mache!

Ein Gedanke zu „Kinder auf dem Nibelungenweg – „das war der schönste Tag meines Lebens““

  1. Was ein super schöner langer Bericht! Das tut auch einer Mutter gut, die zum ersten Mal ihr Kind 5 Tage mit einer Jugendgruppe unterwegs weiß. Und die gestern ebenfalls aus dem Fenster schaute und dachte, muss es ausgerechnet heute so regnen, wo die Gruppe am Knoden klettern und sich abseilen will. Dann noch der Gedanke: „Lieber Petrus, lass es wenigstens Donnerstag / Freitag mal trocken sein, damit die Übernachtung im Freien nicht nur eklig matschig wird.“ Schließlich wünscht man sich als Eltern nichts mehr, als dass die erste Erfahrung, auf sich bzw. die Gruppe gestellt zu sein, eine gute wird. Das bestätigt der ausführliche Bericht von Frau Lindmayer. Gott sei Dank!!! Und den unsrigen habe ich ebenfalls quietschvergnügt auf dem Gruppenfoto entdeckt – oder vielleicht doch auch ein bißchen müde ;-).

    Ich habe bislang sehr gute Erfahrung mit den Pädagogen im Naturschutzzentrum gemacht, wir sind quasi „Stammkunden“. Das war und ist mir auch eine große Beruhigung zu wissen, dass eine sehr erfahrene Betreuerin mit der Gruppe unterwegs ist. Jetzt wünsche ich der Gruppe, die das nun noch nicht lesen kann, einen richtig tollen Abschlussabend und eine gute Rückkehr am Freitag. Dann freue ich mich auch darauf, unseren Sohn wieder in den Arm zu nehmen. Es ist so still um mich herum… und ich hatte hier zu Hause weniger Spaß-Faktor. Dafür brechen wir am Samstag gemeinsam auf – wieder in die Berge, aber die ganz hohen in den Alpen. Ich denke an Sie, Frau Lindmayer, wenn Sie jetzt zum Abendessen aufbrechen, während ich meine letzten Büroarbeiten tilge, – und wünsche Ihnen nochmals so viel Spaß wie gestern Abend.

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