Nachlese
Flussablagerungen, Eiszeittiere, Kiesgewinnung und Naturschutz: Interessantes aus der Kiesgrube in der Erlache
Eine ganztägige Fortbildungsveranstaltung in Kooperation zwischen der Kiesfirma Rohr, dem Museum Bensheim und dem Naturschutzzentrum

Eine zwar eher kleine aber hoch interessierte Runde hatte sich vergangenen Donnerstag am Naturschutzzentrum eingefunden, um die Aspekte des Kiesabbaus im Allgemeinen und in der Erlache im Besonderen zu beleuchten. Gewinnung von Rohstoffen für die verschiedensten Zwecke, Schutz von Natur und Landschaft, Erforschung eiszeitlicher Tierfunde und schließlich archäologische Bodenfunde – dies alles waren Themen einer ganztägigen Veranstaltung, ermöglicht durch die Unterstützung der Kiesfirma Rohr.
Der Verbrauch von Kiesen und Sanden jedes Bundesbürgers summiert sich im Laufe des Lebens auf 324 Tonnen, erfuhren die Teilnehmer mit einigem Erstaunen. Der Verbrauch beginnt schon im Sandkasten, beschränkt sich danach aber nicht nur auf den Straßen- und Wohnungsbau, sondern umfasst auch Bereiche wie die Glas-, Filter- und Keramikherstellung, Verwendung als Gießereisande und in der chemischen Industrie. Damit liegt der in der Erlache abgebaute Rohstoff an der Spitze aller mineralischen Rohstoffe. Dabei beiträgt die Abbaufläche nur 0,004% der Bodennutzung in Deutschland, auch wenn sie sich entsprechend der Vorkommen in den großen Flusstälern wie der Rheinebene konzentriert.
Firmenchef Rohr und Betriebsleiter Klingler führten persönlich die Runde über das Betriebsgelände und vermittelten einen Einblick in die Fördertechnologien, von denen der Seniorchef einige als „Tüftler“ selbst entwickelt hat, die heute weltweit angewendet werden. Auch über die Qualität des geförderten Materials und die Ansprüche der Kunden konnte man Details erfahren, über die noch die wenigsten nachgedacht hatten. Anschließend konnte man sich vom Boot aus mit dem gebührenden Abstand von den Renaturierungsmaßnahmen im ausgekiesten Teil des Erlachsees überzeugen, die Gerhard Eppler vom NZB als beispielhaft bezeichnete. Bei weitem nicht alle Kiesfirmen verhielten sich so, dass nach dem Ende des Abbaus ein Naturschutzgebiet entstanden sei, das mittlerweile auch Teil eines EU-Vogelschutzgebiets ist.
Am Naturschutzzentrum war auch eine kleine Ausstellung aufgebaut aus eiszeitlichen Funden, wie man sie beim Abbau findet: Wildpferd, Auerochse, Mammut, Wollhaarnashorn, Biber und sogar ein Höhlenlöwe waren darin vertreten. Aus den tieferen Schichten der letzten Warmzeit tauchten sogar Waldelefanten und Flusspferde auf. Die Kiesgruben erschließen so zahlreiche Funde für die Wissenschaft, von denen viele in den Museen der Region präsentiert werden.
Manchmal nur knapp unter der Erdoberfläche finden sich die Hinterlassenschaften aus späteren Zeiten, wie Christoph Breitwieser vom Museum Bensheim zu berichten wusste. Nicht „nur“ römische Funde, sondern auch Hinterlassenschaften älterer Riedbewohner etwa der jungsteinzeitlichen Bandkeramiker kommen zu Tage. Vieles davon ist nur bei genauem Hinschauen überhaupt feststellbar. Die Langhäuser der Bandkeramiker haben sich nicht erhalten. Nur aus den runden Verfärbungen, die auf Pfostenlöcher hindeuten, erhält man bei Ausgrabungen Hinweise auf Größe und Bauweise der früheren Behausungen. Wie überhaupt die Abfallgruben oft mehr Auskunft über die Lebensweise unserer Altvorderen erteilen, als die Funde einzelner Kunstwerke.
Im Zuge von Baumaßnahmen besteht die Sorge, archäologische Fundstellen könnten zu einem Baustopp führen. Dabei sind solche Befürchtungen meist gar nicht gerechtfertigt. In der Erlache zum Beispiel hat man einen kooperativen Weg beschritten. Auf Vermittlung des Naturschutzzentrums hat die Firma Rohr im Vorfeld der Auskiesung sogar mit ihrem Bagger Sondierungsgräben gezogen. So hatten die Archäologen Zeit, um Ausschau nach Fundstätten zu halten, ohne der Auskiesung in die Quere zu kommen. Auch hier also vorbildliche Zusammenarbeit.
Dass das Leben der Vorzeit auch seine angenehmen Seiten hatte, erfuhren die Teilnehmer beim Mittagessen. Eine Suppe mit Linsen, Fenchel und Kräutern, im Topf über dem Feuer gekocht, und dazu in einem Lehmofen nach historischem Vorbild selbst gebackene Brote stießen kulinarisch auf Anerkennung. Der Lehmofen war im Vorjahr im Rahmen einer Kooperation zwischen Museum Bensheim und Naturschutzzentrum errichtet worden.
Den Abschluss des gelungenen Tages bildete ein kleiner Elfenbein-Schnitzkurs. Die Museumsmitarbeiter hatten kleine Stücke sibirischen Mammutelfenbeins mitgebracht, und man versuchte sich mit unterschiedlichem Erfolg darin, mit Feilen und Bohrern kleine Kunstwerke zu fertigen. Zur Meisterschaft darin gelangte Christine Winkler vom Naturschutzzentrum mit der Schnitzerei eines Hundekopfes.
In der Schlussrunde äußerten sich die Teilnehmer begeistert über die Fülle der Eindrücke, die sie mitgenommen haben – und das nicht nur mit Vorträgen, sondern auch mit vielen Anteilen, die eigenen Einsatz erfordern. Ein Teilnehmer hatte sich für die Veranstaltung eigens einen Tag Urlaub genommen. Anregend sei vor allem, ein Thema von ganz verschiedenen Seiten zu betrachten und dabei miteinander ins Gespräch zu kommen. Ein Tag, der im wahrsten Sinne „Schule machen sollte“.